Wir haben nur diesen einen Planeten

Wir haben nur diesen einen Planeten

…, und den zerstören wir immer schneller. Mit Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nimmt der Mensch die Erde in Besitz: Bodenschätze werden geplündert, die schützende Atmosphäre wird aufgeheizt und verschmutzt, Ozeane versauern, Ressourcen und Nahrung werden knapp, Tier- und Pflanzenarten rasant dezimiert. Energiehunger, Bevölkerungswachstum und virtuelles Kapital beschleunigen den zerstörerischen Kreislauf. Schaffen wir unsere Spezies selber ab, wenn wir so weiter machen?
Fest steht, noch nie – außer bei schweren Asteroideneinschlägen und Ausbrüchen von Supervulkanen – hat ein Ereignis das Leben auf dem Planeten Erde so extrem verändert wie der Mensch selbst. Willkommen im Anthropozän – dem Menschenzeitalter.
Der Astrophysiker und Philosoph Harald Lesch ist aus den Weiten des Weltalls zurück. In seinem neuen Buch „Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän“ geht es um die Erde, um die Heimat des Menschen. Das Buch zieht Bilanz und dokumentiert den aktuellen Stand der Dinge.
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Q:
Herr Lesch in Ihrem neuen Buch reden Sie nicht über Sterne und ferne Galaxien, sondern über die Heimat des Menschen, den Planeten Erde.

HL:
Ich rede vor allem darüber, wie der Mensch mit diesem einzigartigen Planeten umgeht. Mehr als sieben Milliarden von uns tummeln sich inzwischen auf der Erde und tun das, was uns offenbar von der Evolution in die Wiege gelegt wurde: Wir verändern unsere Welt, weil wir es können. Inzwischen hat diese globale, kollektive Veränderung eine Intensität und räumliche Dimension erreicht, dass man bereits ein Erdzeitalter nach uns benennt. Das Anthropozän.
Q: Erklären Sie uns diesen Begriff etwas ausführlicher.

HL: Geowissenschaftler – vielleicht sogar extraterrestrische, weil unsere Spezies sich schon lange zuvor selbst ausgelöscht hat – werden noch in einer fernen Zukunft unser heutiges Wirken auf diesem Planeten in den Sedimenten ablesen können. Sie werden feststellen, dass hier einmal Lebewesen existiert haben müssen, die offensichtlich künstliche Stoffe produziert haben, die sich nicht mehr zersetzten. Sie haben mit großen Mengen radioaktivem Material hantiert. Sie haben die Rohstofflager des Planeten fast vollständig ausgebeutet. In den Eisbohrkernen – so es denn überhaupt noch Eis auf der Erde gibt – werden die außerirdischen Geologen eine extrem hohe Konzentration von Treibhausgasen nachweisen. Die früheren Bewohner des Planeten haben also vermutlich durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe – Kohle, Öl und Gas – die Atmosphäre mit riesigem Mengen an Kohlendioxyd und Methan angereichert und dadurch das Klima verändert. Flora und Fauna des Planeten wurden gleichzeitig radikal dezimiert.
Und ich stelle mir vor, sie werden Aufzeichnungen finden, alte Zeitungen zum Beispiel. Darin wird zu lesen sein, dass es in einem Land namens Deutschland kein Tempolimit auf den Autobahnen geben soll. Eine Schlagzeile verkündet: Freie Fahrt für freie Bürger. Neben diesem Artikel prangt eine Werbeanzeige für eine „Premiumlimousine“ mit mehr als 380 PS. Darunter die Zeile „Vorsprung durch Technik“. Die Menschen der Zukunft werden den Kopf schütteln und murmeln: Was müssen das wohl für Verrückte gewesen sein – damals.

Q: Für viele klingt es verrückt, wenn Sie sagen, wir sind auf dem besten Weg, uns den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

HL: Einige wenige Vertreter der Spezies Homo sapiens hatten die Chance, die Erde aus der Ferne des Weltalls zu sehen. Die ersten von ihnen waren die Astronauten der Apollo 8 beim ersten bemannten Flug zum Mond. Dieser Blick aus dem Weltraum auf die Erde ist einfach atemberaubend. Ein blauer Juwel von einzigartiger Schönheit, verletzlich, zerbrechlich dreht er allein in den lebensfeindlichen Weiten des Alls seine Runden.
Die Erde ist ein Raumschiff mit 7,4 Milliarden Astronauten an Bord. Anstatt ihr Schiff funktionstüchtig zu halten, hat die Besatzung aber nichts Besseres zu tun, als die lebenswichtige Schutzhülle ihres Raumschiffs aufzuheizen. Darüber hinaus verbrauchen die Astronauten mehr Ressourcen als langfristig erneuert werden, sie leben auf Pump, auf Krediten, die sie nicht mehr zurückzahlen können und zerstören so den Kreislauf, der das Leben an Bord möglich macht.

Q: Wie sehr haben wir unsere Schutzhülle, unsere Atmosphäre schon aufgeheizt?
HL: Ich habe mit dem Meteorologen und Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif gesprochen und er hat bestätigt, 2015 war global gesehen erneut ein Temperatur-Rekordjahr. Im November 2015 haben wir die 1 Grad Celsius Marke gerissen, heißt die Atmosphäre hat sich im Vergleich zum Zeitraum 1850–1900 um 1 Grad Celsius erwärmt. Wenn man jetzt noch die Trägheit des Klimasystems berücksichtigt, kommt ein halbes Grad dazu. Das heißt, wir sind eigentlich schon bei einer weltweiten Erwärmung von 1,5 Grad Celsius.
Wenn wir tatsächlich deutlich unter 2 Grad Celsius bleiben wollen, so wie im Klimaabkommen von Paris beschlossen, müssten die weltweiten Kohlendioxyd Emissionen sofort und drastisch sinken. Das ist aber nicht in Sicht.

Die Temperatur steigt, der Meeresspiegel steigt, das Eis auf Grönland schmilzt, das Eis in der Antarktis schmilzt, die Gebirgsgletscher ziehen sich zurück. Alle diese Dinge wissen und spüren die Menschen. Aber es ist für die meisten noch keine direkte Bedrohung. Das ist der Punkt, warum sie es nicht wirklich wahrnehmen.

Q: Aber wir vertrauen auf das technisch Machbare, wir werden schon Lösungen finden, oder?
HL: Die Wissenschaftler zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren der Meinung, man könne alles ganz genau vorausberechnen, dieser Extrapolationscharakter des 19. Jahrhunderts. Alles sei nur noch eine Frage der Zeit, dann habe man alles im Griff. Gerade dieses Im-Griff-haben, glaube ich, ist die Hybris der Moderne in all ihren Verirrungen.
Ich könnte Ihnen jetzt eine Vorlesung über die Stabilität von Systemen halten. Da würde ich Ihnen eine Reihe von Exponentialkurven zeigen: Anstieg von Kohlendioxyd und Methan in der Atmosphäre, Anstieg der Oberflächentemperatur, Versauerung der Meere, Verlust von tropischen Wäldern, Wachstum der Bevölkerung, Verbrauch von Primärenergie, Verbrauch von Düngemitteln, alles über die letzten 150 Jahre gemessen.
Aus diesen wenigen Exponentialkurven, aus diesen Wachstumskurven, diesen Hockeyschlägerkurven lässt sich für einen gesunden Menschenverstand – da müssen Sie gar kein Physiker oder Mathematiker sein – mit einem schnellen Blick ablesen, dass wir nicht weitermachen können wie in den letzten 150 Jahren. Irgendwann ist die Party vorbei. Jede dieser Kurven wird irgendwann ein Limit durchbrechen, die Konsequenzen sind nicht mehr berechen- geschweige denn beherrschbar. Diese Hockeyschlägerkurven zeigen uns aber zwei Dinge: Erstens, wir können massive Veränderungen vornehmen und bewirken. Und zweitens: Bisher haben wir das allerdings in die falsche Richtung getan.
Q: Was würde Ihrer Meinung nach in die richtige Richtung gehen?
HL: Wenn wir uns unsere tatsächlichen Handlungen anschauen, diese unfassbare Kluft zwischen dem, was wir wissen und machen könnten und dem, was tatsächlich passiert, ist das immer wieder erstaunlich – leider auch erschreckend.
Aber, um Ihre Frage zu beantworten, da fällt mir die Enzykla Laudato si’ von Papst Franziskus ein oder auch die UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, alles Ideen und Konzepte für eine zukünftige Resilienz, die wir in diesem Buch ausführlicher besprechen.
Mit der Agenda 2030 will die UN den Hunger, die Ungleichheit und die ökologische Zerstörung auf unserem Planeten bis zum Jahr 2030 besiegt haben.

Q: Aber was kann man von einer solchen UN-Agenda überhaupt halten? Wird sie jemals umgesetzt werden?
HL: Natürlich klingt das sehr ambitioniert, um nicht zu sagen schier unmöglich. Trotzdem, die Vereinten Nationen sind das Beste, was wir haben. Es gibt keinen anderen Völkerbund. Es gibt für uns keine Alternative, als immer wieder aufs Neue die Menschheit aufzurufen, sich an solchen Zielen zu orientieren und zu versuchen, sie zu erreichen.

Die Alternative: Wir Menschen, die auf einem Floß aus Baumstämmen auf dem Meer treiben und dieses Floß mehr und mehr zersägen und verheizen. So leben wir tagein tagaus. Das muss zum Untergang führen. Keine Frage.

Das Anthropozän liefert uns die ideale Gelegenheit, a) Inventur zu machen: Was ist der Fall? b) nachzuhaken: Was machen wir mit der Inventur? Was sollen wir tun?
Wir können dem Anthropozän einen ethischen Platz einräumen. Ich weiß, das ist nicht so gern gesehen. Ethische Themen sind immer schwierig. Warum? Weil sie keine einfachen Ja- und Nein-Antworten liefern. Bei einem ethischen Thema geht es darum, abzuwägen. Wie können wir in der Weltgemeinschaft, innerhalb einer Gesellschaft, Gerechtigkeit verhandeln? Die einen haben noch gar nicht an dem Wohlstand teilgenommen, die anderen haben viel zu viel. Einzelne haben Milliarden von Dollars. Viele Milliarden Menschen haben nicht mal ein paar Dollar. Diese Gerechtigkeitsunterschiede innerhalb der Weltgemeinschaft, innerhalb von Nationen, bergen Konfliktpotenzial. Denn was passiert, wenn auf einem Kontinent der Wohlstand überquillt und auf dem anderen Dürren und Hungersnöte herrschen? Was passiert denn dann? Genau, die Not setzt sich in Bewegung.
Wir müssen zu einer Lösung kommen. Global muss verhandelt werden, national muss verhandelt werden, und sogar innerhalb von uns selbst muss verhandelt werden.
Wir wissen alle, dass ambitionierte Ziele wie in der UN-Agenda 2030 nicht vollständig erreicht werden können, aber manchmal ist es schon besser, nach dem absolut Unmöglichen zu streben, damit das Mögliche überhaupt erreicht werden kann.

In diesem Sinne machen Sie mit!
Wir haben nur diesen einen Planeten.

Ab heute, 6.September 2016, in jeder guten Buchhandlung.
500 Seiten darüber, wie es weiter gehen könnte,
aber nur wenn wir endlich aufhören, so weiter zu machen,
wie wir es in den letzten Jahren getan haben.